#757 Plädieren mit Substanz: Wie Strafverteidigung vor Gericht überzeugt
Was macht ein gutes Plädoyer aus? Nicht Lautstärke, nicht Polemik, nicht das grosse Finale – sondern präzise Arbeit an der «Geschichte», an den Widersprüchen und an den Zweifeln. In dieser Folge von «Auf dem Weg als Anwält:in» spricht Duri Bonin über das Handwerk des Plädierens.
Zum Jahresanfang geht es um die Grundlagen überzeugender Strafverteidigung vor Gericht. Wie entstehen Geschichten, die tragen? Warum sind Szenen stärker als Schlagworte? Weshalb ist es fatal, Widersprüche zu verschweigen – und warum liegt gerade im Benennen von Unsicherheiten oft die grösste Überzeugungskraft?
Die Folge zeigt Schritt für Schritt, wie aus Akten eine stimmige Falltheorie wird: vom klar definierten Ziel über das Leitmotiv bis zur Storymap mit Personen, Schauplatz, Zeitlinie und Wendepunkt. Duri erklärt, warum man die beste Version der Gegenseite kennen muss, um die eigene glaubwürdig zu entwickeln – und weshalb ethische Zurückhaltung kein moralischer Luxus, sondern ein zentraler Wirkfaktor ist.
Darum geht es in dieser Episode
- Warum Menschen durch konkrete Szenen überzeugt werden – nicht durch abstrakte Begriffe
- Wie Strafverteidigung mit Geschichten arbeitet, ohne Fakten zu verbiegen
- Weshalb Widersprüche nicht verdrängt, sondern integriert werden müssen
- Wie Zweifel sichtbar gemacht werden und warum «in dubio pro reo» praktisch wirkt
- Zieldefinition, Falltheorie und Leitmotiv als Fundament jedes Plädoyers
- Storymap im Strafverfahren: Personen, Schauplatz, Zeitlinie und Schlüsselszene
- Arbeit mit Beweisen: objektiv Unbestrittenes, neutrale und parteiische Zeugen
- Zeugenbefragung als Teil der eigenen Geschichte – nicht als Selbstzweck
- Sprache im Plädoyer: klare Struktur, kurze Sätze, konkrete Verben
- Warum Textbausteine Denken ersetzen – und Urteile schwächen
- Ethik in der Verteidigung: keine Polemik, keine Manipulation, keine Auslassungen
- Weshalb Vertrauen durch Fairness entsteht – gerade gegenüber Gerichten
- Warum ein Plädoyer Wochen vor der Verhandlung stehen sollte
- Der Stresstest der eigenen Geschichte: Trägt sie auch unter ungünstigen Annahmen?
Ein Gedanke, der hängen bleibt: Ein Plädoyer ist kein Seifenblasenprodukt und kein Widerstand um des Widerstands willen. Es ist das Ergebnis harter, ehrlicher Arbeit an einer Geschichte, die auch dann noch trägt, wenn man der Gegenseite maximal Glauben schenkt. Erst dann hat Verteidigung Substanz.
Diese Folge richtet sich an Strafverteidigerinnen und Strafverteidiger, die ihr Plädieren vertiefen und schärfen wollen. An Anwältinnen und Anwälte, die verstehen möchten, wie Psychologie, Sprache und Beweiswürdigung im Gerichtssaal zusammenspielen. Und an alle, die sich für Rechtsstaatlichkeit interessieren und verstehen wollen, warum gute Strafverteidigung nicht im Effekt, sondern in der täglichen Präzisionsarbeit liegt.
Links zu diesem Podcast:
- Das Buch zum Podcast: [In schwierigem Gelände — Gespräche über Strafverfolgung, Strafverteidigung & Urteilsfindung](https://www.duribonin.ch/produkt/in-schwierigem-gelaende/)
- Anwaltskanzlei von [Duri Bonin](https://www.duribonin.ch)
Die Podcasts "Auf dem Weg als Anwält:in" sind unter https://www.duribonin.ch/podcast/ oder auf allen üblichen Plattformen zu hören 🎧. Dort einfach nach 'Duri Bonin' suchen und abonnieren.