Auf dem Weg als Anwält:in

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#803 Matchball-Momente: Praktisch blind zum Weltrekord – handlungsfähig bleiben vor Gericht

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Michael Phelps springt ins Wasser – und sieht nichts mehr. Die Schwimmbrille füllt sich, die Beckenlinien verschwinden, die Wand verschwindet, die Gegner verschwinden. Olympia-Final. 200 Meter Schmetterling. Genau der Moment, in dem Panik logisch wäre. Phelps tut etwas anderes: Er zählt seine Züge.

Diese Folge der Reihe «Matchball-Momente» knüpft an die letzte Folge über Pre-Performance-Routinen an. Duri Bonin schaut auf Michael Phelps nicht als Medaillenmaschine, sondern als Weltmeister der kleinen Schritte: ein Mensch mit schnellem, unruhigem Kopf, der im Schwimmbecken Struktur fand. Aus Unruhe wurde Bewegung. Aus Bewegung Rhythmus. Aus Rhythmus Leistung. Und aus wiederholbaren Abläufen wurde ein System, das ihn auch dann trug, als im entscheidenden Moment die Sicht wegfiel.

Darum geht es in dieser Folge

  • Warum Michael Phelps mehr ist als 28 olympische Medaillen
  • Weshalb die kleinen Schritte wichtiger sein können als der grosse Traum
  • Was Bob Bowman mit Phelps schon früh trainierte: konkrete, messbare Ziele
  • Warum «Ich will Weltmeister werden» zu gross ist – und «heute diese Bahn» handhabbar
  • Wie eine Pre-Race-Routine vor dem Startblock funktioniert
  • Weshalb Kopfhörer, Stretching, Kappe und Startseite keine Nebensachen sind
  • Warum Routine nicht Kosmetik ist, sondern Kontrolle über den Start
  • Was 2008 in Peking passierte, als Phelps’ Schwimmbrille volllief
  • Warum Züge zählen im Chaos stärker sein kann als neue Genialität
  • Was dieses Bild mit Anwaltsprüfung, Gerichtsverhandlung und Strafverteidigung zu tun hat
  • Wie Juristinnen und Juristen reagieren können, wenn der Kopf leer wird
  • Warum Unterbrechungen, unerwartete Argumente und Mandantenreaktionen trainierbar sind
  • Weshalb Panik oft dazu verleitet, eine saubere Struktur über den Haufen zu werfen
  • Warum der nächste Atemzug, der nächste Satz und die nächste Frage entscheidend sein können
  • Weshalb Handlungsfähigkeit unter Druck aus kleinen, wiederholbaren Schritten entsteht

Der Weltmeister der kleinen Schritte

Michael Phelps ist vielleicht der beste Schwimmer aller Zeiten. 28 olympische Medaillen, 23 davon Gold. Aber wer nur auf diese Zahlen schaut, sieht den Mythos – nicht das Handwerk. Interessant wird Phelps dort, wo die Medaillen noch nicht da sind: beim Kind mit ADHS, bei der Unruhe, beim Bedürfnis nach Struktur, bei der Wiederholung. Im Wasser findet Phelps ein System. Eine Bahn. Eine Uhr. Feedback. Wiederholung. Sein Coach Bob Bowman arbeitet früh mit ihm an konkretem Goalsetting: nicht «Ich werde Olympiasieger», sondern kurze, detaillierte, objektive Ziele. Heute diese Einheit. Dieses Becken. Diese Wand. Diese Zugzahl. Dieser Start. Diese Erholung. Dieser Schlaf. Der grosse Traum wird erst tragbar, wenn er in kleine, tägliche Schritte zerlegt wird.

Routine ist Kontrolle über den Start

Phelps hatte nicht nur Trainingsziele. Er hatte auch eine Pre-Race-Routine. Von aussen wirkt das banal: Kopfhörer, Stretching, Bewegungen, Kappe, Position am Startblock. Aber genau diese Wiederholung gibt dem Körper ein Signal: Ich kenne diesen Moment. Das ist keine Magie und kein Aberglaube. Eine gute Routine macht nicht abhängig. Sie schafft Kontrolle über das, was in der eigenen Macht liegt: den Start. Nicht den Gegner. Nicht das Publikum. Nicht die Geschichte. Nicht das Ergebnis. Nur den Beginn. Aber genau dieser Beginn entscheidet oft, ob das Trainierte abrufbar wird.

Peking 2008: Schwimmen ohne Sicht

Das stärkste Bild kommt aus Peking 2008. 200 Meter Schmetterling. Phelps springt ins Wasser – und seine Schwimmbrille füllt sich mit Wasser. Er sieht die Linien nicht mehr. Die Wand nicht mehr. Die Gegner nicht mehr. In einem olympischen Final, auf der grössten Bühne, schwimmt er praktisch blind. Was rettet ihn? Nicht ein neuer grosser Gedanke. Nicht spontane Genialität. Sondern das, was sein Körper kennt. Er zählt seine Züge. Er weiss ungefähr, wie viele Züge er für eine Länge braucht. Er vertraut auf Wiederholung, Körperwissen und Vorbereitung. Zug um Zug. Wand. Zug um Zug. Anschlag. Gold. Weltrekord.

Wenn Juristinnen und Juristen die Sicht verlieren

Genau hier liegt die Brücke zur Anwaltsprüfung, zur Gerichtsverhandlung und zur täglichen anwaltlichen Arbeit. Auch dort gibt es Momente, in denen die Sicht wegfällt. Nicht buchstäblich, aber praktisch: Der Kopf wird leer. Der Druck steigt. Man wird unhöflich unterbrochen. Die Staatsanwaltschaft bringt einen Punkt, den man so nicht erwartet hat. Die beschuldigte Person sagt etwas anderes, als besprochen war. Die Stimme wird schneller. Der rote Faden reisst. Das ist der Moment mit der Schwimmbrille. Die Frage ist dann nicht, ob man sehr klug ist. Die Frage ist: Gibt es einen Plan? Oder hofft man, unter Druck spontan genial zu sein?

Der nächste Zug, der nächste Satz

Phelps zeigt: In entscheidenden Momenten rettet oft nicht das Grosse, sondern das Kleine. Der nächste Zug. Der nächste Atemzug. Der nächste Satz. Eine saubere Struktur. Die nächste Frage. Für die Anwaltsprüfung heisst das: nicht denken «Ich muss diese Prüfung bestehen», sondern: Ich höre die nächste Frage. Ich atme. Ich ordne. Ich beginne mit dem ersten Punkt. Für die Gerichtsverhandlung heisst das: nicht denken «Für den Klienten geht es um alles», obwohl das stimmen kann. Sondern: Ich spüre meine Füsse. Ich atme. Ich halte mich an die Struktur, die ich sauber durchdacht habe. Ich werfe nicht aus Panik alles um. Ich sage meinen ersten Satz.

Phelps für Juristinnen und Juristen

Der Phelps-Moment für Juristinnen und Juristen ist nicht die Heldengeschichte mit acht Goldmedaillen. Es ist der Mensch mit schnellem, unruhigem Kopf, der sich ein System baut. Ein System aus kleinen Schritten, das gerade dann trägt, wenn der grosse Moment zu gross wird. Strafverteidigung, Anwaltsprüfung und Gerichtsverhandlungen verlangen nicht nur Wissen. Sie verlangen Abrufbarkeit unter Druck. Es genügt nicht, im Büro zu wissen, was richtig wäre. Man muss es im entscheidenden Moment tun können. Wenn die Sicht wegfällt. Wenn der Raum eng wird. Wenn die Unterbrechung kommt. Wenn der Puls steigt. Dann entscheidet nicht der Mythos. Dann entscheidet der nächste Zug.

Kapitel 00:00 Bücher zur Anwaltstätigkeit und Anwaltsprüfung unter www.duribonin.ch/shop 00:03 Michael Phelps: Weltmeister der kleinen Schritte 02:27 Ziele zerlegen statt gross träumen 03:23 Pre-Race-Routine am Startblock 04:04 Peking 2008: Schwimmen ohne Sicht 04:42 Züge zählen statt Panik 05:16 Im Chaos auf das Gewohnte zurückgreifen 05:36 Die Brücke zur Anwaltsprüfung und Gerichtsverhandlung 05:49 Wenn unter Druck die Sicht wegfällt 06:18 Plan oder spontane Genialität? 06:32 Der nächste Zug, Atemzug, Satz 06:40 Anwaltsprüfung: nächste Frage, erster Punkt 06:58 Gerichtsverhandlung: Füsse, Atem, Struktur 07:19 Michael Phelps für Juristinnen und Juristen 07:38 Schluss

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Hinweis: Diese Folge und diese Shownotes dienen der allgemeinen Information und Reflexion über Handlungsfähigkeit unter Druck, Routinen, Anwaltsprüfung, Strafverteidigung und anwaltliche Praxis. Sie sind keine Anleitung für den Einzelfall und ersetzen keine Prüfung der konkreten Situation.


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Über diesen Podcast

In diesem Podcast reflektiert Duri Bonin mit Gästen über Fragen rund um die Arbeit als Anwalt und Strafverteidiger: Was macht eine gute Anwältin aus? Wie organisiert man die Anwaltstätigkeit? Wie handhabt man den Umgang mit Klienten, Gegenanwälten, der Polizei, der Staatsanwaltschaft und den Gerichten? Was zeichnet ein gutes Plädoyer aus? Wie legt man sich eine Verteidigungsstrategie zurecht? Der spannenden Fragen sind vieler. Es ist ein Weg ins Urmenschliche, manchmal gar Allzumenschliche.

von und mit Duri Bonin

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