#801 Matchball-Momente: Unter maximalem Druck - was Strafverteidigung vom Spitzensport lernen kann
Sieben Jahre Freiheitsstrafe. Zwölf Jahre Landesverweisung. Der Mandant sitzt neben dir, die Richterinnen und Richter schauen, die Staatsanwaltschaft hat ihr Plädoyer beendet – und jetzt musst du stehen, denken, atmen, plädieren. Was passiert, wenn in diesem Moment der Körper Alarm schlägt?
Diese Folge beginnt bei grossen Druckmomenten im Spitzensport – Roberto Baggio, Mikaela Shiffrin, Malaika Mihambo – und landet dort, wo Druck für Strafverteidigerinnen und Strafverteidiger nicht abstrakt ist: im Gerichtssaal. Duri Bonin fragt, wie man handlungsfähig bleibt, wenn alles eng wird: beim Plädoyer, bei einer Einvernahme, in der mündlichen Anwaltsprüfung, bei einem Einwand der Staatsanwaltschaft und überall dort, wo der Kopf plötzlich leer ist.
Die Pointe ist nicht: Wer nervös ist, ist schlecht vorbereitet. Die Pointe ist: Auch die Besten geraten unter Druck. Entscheidend ist, ob sie einen Weg zurückfinden – zum Atem, zur Aufgabe, zum nächsten Satz. Mentale Stärke heisst nicht, keine Angst zu spüren. Mentale Stärke heisst, unter maximalem Druck handlungsfähig zu bleiben.
Darum geht es in dieser Folge
- Warum mentale Stärke nicht bedeutet, nie nervös zu sein
- Weshalb Roberto Baggios verschossener Penalty bis heute ein Bild für maximalen Druck ist
- Was Mikaela Shiffrin zeigt, wenn ein perfekter Plan während des Rennens wackelt
- Warum Malaika Mihambo mitten im Stadion zum Atem zurückfindet
- Was Spitzensport und Strafverteidigung gemeinsam haben
- Weshalb Druck nicht wegtrainiert, sondern bearbeitbar gemacht werden muss
- Was es heisst, vor Gericht «aufgabenfähig» zu bleiben
- Warum ein Plädoyer am Obergericht psychologisch anders ist als ein Text am Schreibtisch
- Wie man eine beschuldigte Person auf eine Befragung vorbereitet
- Weshalb die Arbeit als Strafverteidiger viel mit Psychologie zu tun hat
- Was Pre-Performance-Routinen sind
- Warum Atem, Körper, Technik und Routine in Druckmomenten helfen können
- Wie man den roten Faden wiederfindet, wenn man unterbrochen wird
- Was man tun kann, wenn der Kopf leer wird
- Warum Wissen erst dann trägt, wenn es unter Druck abrufbar bleibt
Druck ist kein Ausnahmezustand
Wer vor Gericht steht, erlebt Druck nicht als Theorie. Der Raum ist da, die Richterinnen und Richter schauen, die Staatsanwaltschaft stellt Anträge, der Mandant sitzt daneben, jedes Wort bekommt Gewicht. Duri erinnert an eine Situation am Obergericht Zürich: Der Staatsanwalt verlangte sieben Jahre Freiheitsstrafe und eine Landesverweisung von zwölf Jahren. Für die Verteidigung ist das kein Spiel. Für den Mandanten entscheidet sich nicht ein Wettkampf, sondern sein weiteres Leben. Genau deshalb ist der Blick in den Spitzensport interessant. Nicht weil Gerichtsverhandlungen Sport wären. Sondern weil Spitzensportlerinnen und Spitzensportler seit Jahrzehnten trainieren, was Juristinnen und Juristen oft nebenbei lernen müssen: den Übergang in den Leistungszustand. Der Moment kommt. Der Puls kommt. Der Gedanke kommt. Und dann muss man trotzdem handeln können.
Mentale Stärke heisst nicht Ruhe
Der erste Irrtum: Mentale Stärke bedeute, nicht nicht nervös zu sein. Entscheidend ist nicht, ob Nervosität auftaucht. Entscheidend ist, ob man trotz Nervosität einen Weg zurück zur Aufgabe findet. Mihambo sitzt in Doha mitten im Wettkampf, nach zwei misslungenen Versuchen, und meditiert. Nicht als Wellnessgeste, sondern als Werkzeug. Sie geht zum Atem zurück, zum Körper, zum Anlauf, zum Brett, zum nächsten Sprung. Genau darin liegt die Übertragung auf die anwaltliche Praxis: Man kann Druck nicht einfach wegreden. Man muss wissen, wie man in ihm arbeitsfähig bleibt.
Der Gerichtssaal als Leistungsraum
Ein Plädoyer ist vorbereitet, aber es lebt im Moment. Die Akten sind gelesen, die Widersprüche markiert, die Beweislage durchdacht. Und trotzdem verändert sich der Raum, sobald man steht. Ein Einwand der Staatsanwaltschaft, eine Frage des Gerichts, eine Reaktion des Mandanten, eine Unterbrechung – plötzlich reicht Wissen allein nicht mehr. Man muss Zugriff behalten. Das gilt auch für die beschuldigte Person. Wer befragt wird, steht oft unter enormem Druck. Gerade dann braucht es Vorbereitung, die nicht nur inhaltlich ist. Was passiert, wenn eine Frage unklar ist? Was passiert, wenn der Puls steigt? Was passiert, wenn man das Gefühl hat, man müsse sofort antworten? Strafverteidigung ist deshalb immer auch Arbeit am Zustand: Orientierung schaffen, Optionen klären, Belastung antizipieren.
Pre-Performance-Routinen vor Gericht
Im Spitzensport spricht man von Pre-Performance-Routinen: kleinen, eingeübten Abläufen unmittelbar vor der Leistung. Das kann ein Atemzug sein, ein Griff, ein Satz, eine Körperhaltung, ein Blick auf die Notizen, eine Reihenfolge von Gedanken. Entscheidend ist nicht die äussere Form, sondern die Funktion: Die Routine führt zurück zur Aufgabe. Für Anwältinnen und Anwälte kann das vor dem Plädoyer wichtig sein. Für Kandidatinnen und Kandidaten in der mündlichen Anwaltsprüfung ebenso. Für Mandantinnen und Mandanten vor einer Einvernahme erst recht. Wer unter Druck eine Routine hat, muss sich nicht zuerst neu erfinden. Er hat einen Anker.
Wenn der Kopf leer wird
Die eigentliche Frage der Folge lautet nicht: Wie vermeide ich Druck? Sondern: Wie bleibe ich handlungsfähig, wenn Druck da ist? Wie bleibe ich strukturiert, wenn der Raum eng wird? Wie finde ich den roten Faden wieder, wenn ich unterbrochen werde? Wie antworte ich, wenn der Kopf leer ist? Das sind keine Randfragen. In der Strafverteidigung entscheidet nicht nur, was man weiss. Entscheidend ist, ob man dieses Wissen im richtigen Moment abrufen, ordnen und in Handlung übersetzen kann. Genau dort berühren sich Sportpsychologie, anwaltliche Praxis und Gerichtsrealität.
Wissen muss in Handlung kommen
Duri interessiert sich nicht für Sportpsychologie als Dekoration. Ihn interessiert, was sich daraus für den Beruf lernen lässt. Die Besten verlassen sich nicht einfach auf Talent. Sie trainieren nicht nur Technik, sondern auch den Übergang in den Leistungszustand. Sie wissen: Der entscheidende Moment kommt nicht dann, wenn alles angenehm ist. Er kommt, wenn der Druck steigt. Diese Folge ist deshalb auch eine Vorbereitung auf weitere Fragen: Wie baut man eine solche Routine? Was kann ein einfacher Anker sein? Wie hilft der Atem? Wie bereitet man sich auf Unterbrechungen vor? Wie bleibt man bei sich, wenn der Einsatz hoch ist? Für Strafverteidigerinnen, Strafverteidiger, junge Anwältinnen, Studierende und alle, die mündlich unter Druck leisten müssen, ist das kein Nebenthema. Es ist Handwerk.
Kapitel 00:00 Bücher zur Anwaltstätigkeit und Anwaltsprüfung unter www.duribonin.ch/shop 00:23 Roberto Baggio und der Druck im WM-Final 01:37 Mikaela Shiffrin: Heim-WM und Erwartung 03:45 Malaika Mihambo in Doha: Zurück zum Atem 06:53 Tokio: Gold im letzten Versuch 07:43 Obergericht Zürich: Wenn es um alles geht 08:30 Druck im Gerichtssaal 09:43 Was Strafverteidigung vom Spitzensport lernen kann 10:09 Pre-Performance-Routinen 10:36 Handlungsfähig bleiben, wenn der Körper Alarm schlägt 10:54 Roter Faden, Unterbruch und leerer Kopf
Links zu diesem Podcast:
- Roberto Baggio verschiesst 1994 den entscheidenden Penalty
- World-Cup: Penalty Kick
- Mikaela Shiffrin Slalom Gold (WCS Beaver Creek 2015)
- Malaika Mihambo (7,30m) | Campeonato del mundo (Doha 2019)
- Strafrechtskanzlei von Duri Bonin
- Titelbild bydanay
- Das Buch zum Podcast: In schwierigem Gelände — Gespräche über Strafverfolgung, Strafverteidigung & Urteilsfindung
Die Podcasts "Auf dem Weg als Anwält:in" sind unter https://www.duribonin.ch/podcast/ oder auf allen üblichen Plattformen zu hören 🎧. Dort einfach nach 'Duri Bonin' suchen und abonnieren.
Hinweis: Diese Folge und diese Shownotes dienen der allgemeinen Information und Reflexion über mentale Stärke, Strafverteidigung, anwaltliche Praxis, Anwaltsprüfung und Handlungsfähigkeit unter Druck. Sie sind keine Anleitung für den Einzelfall und ersetzen keine Prüfung der konkreten Situation.
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