Auf dem Weg als Anwält:in

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#792 Was passiert, wenn ein Strafverteidiger erstmals die Zelle betritt? Vertrauen vor der ersten Einvernahme

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Frank kommt zu spät – und bringt genau daraus die Frage dieser Folge mit: Wenn nur wenig Zeit bleibt, wie kommt man schnell in ein echtes Gespräch? Welche Fragen öffnen eine Begegnung? Und wie schafft man Vertrauen, ohne sich zu verstellen?

Duri Bonin führt diese Frage direkt in eine Extremsituation der Strafverteidigung: die erste Begegnung mit einer beschuldigten Person in Haft. Eine enge Zelle, Zeitdruck, Polizei oder Staatsanwaltschaft vor der Tür, ein Mensch im Haftschock – und ein Strafverteidiger, der in wenigen Minuten erklären, beruhigen, zuhören und eine erste Verteidigungsstrategie finden muss.

In dieser Folge von «Mit 40i cha mers mit de Tiger» sprechen Frank Renold und Duri Bonin über Haftsituationen, erste Einvernahmen, Aussageverweigerung, Dolmetscher, Blickkontakt, Kleidung, Sprache, Rollen und die Kunst, unter Druck das Eis zu brechen. Später führt das Gespräch vom Strafverfahren zum Smalltalk: Welche Fragen bringen Menschen wirklich miteinander in Kontakt? Wann wird Nähe zu viel? Und wie bleibt man echt, wenn man beruflich trotzdem eine Rolle einnimmt?

Darum geht es in dieser Folge:

  • Warum die erste Begegnung in Haft für die Strafverteidigung entscheidend sein kann
  • Weshalb Zeit in einer Haftsituation nicht einfach vorhanden ist, sondern oft erobert werden muss
  • Was ein Haftschock mit der Aussagefähigkeit einer beschuldigten Person macht
  • Warum Schweigen in der ersten Einvernahme häufig der sicherere Weg ist
  • Wann frühe Aussagen trotzdem wichtig sein können
  • Wie ein Strafverteidiger Vertrauen schafft, bevor über Strategie gesprochen werden kann
  • Welche Rolle Blickkontakt, Sprache, Kleidung und Sitzordnung spielen
  • Weshalb Dolmetscher in Strafverfahren eine heikle und oft unterschätzte Macht haben
  • Warum Übersetzungen, Protokolle und Einvernahmen besondere Vorsicht verlangen
  • Wie Vernehmer Menschen dazu bringen können, doch zu antworten
  • Was Smalltalk, Improvisation und Strafverteidigung gemeinsam haben
  • Warum echtes Auftreten nicht bedeutet, immer gleich zu sein
  • Weshalb man vor Gericht anständig erscheinen sollte, aber nicht verkleidet

Ein zentrales Thema ist die Aussageverweigerung. Duri erklärt, weshalb es in vielen Fällen gefährlich sein kann, in einer ersten Einvernahme unter Druck sofort Aussagen zu machen. Wer erschöpft, verängstigt, sprachlich unsicher oder nur teilweise orientiert ist, gibt oft nicht deshalb eine Antwort, weil sie strategisch sinnvoll ist, sondern weil eine Frage gestellt wurde. Was einmal protokolliert ist, lässt sich später nur schwer zurückholen.

Gleichzeitig ist Schweigen keine starre Schablone. Es kann Situationen geben, in denen eine frühe Aussage wichtig ist – etwa wenn ein entlastender Umstand sofort gesichert werden muss oder wenn ein Notwehrgeschehen sonst später unglaubwürdig erscheint. Gute Strafverteidigung bedeutet deshalb nicht, automatisch immer dasselbe zu raten. Sie bedeutet, in kürzester Zeit herauszufinden: Gibt es heute einen zwingenden Grund zu sprechen? Oder ist es besser, zuerst zuzuhören, Akten und Vorwürfe zu verstehen und die Nerven zu behalten?

Besonders spannend wird das Gespräch dort, wo Duri konkret beschreibt, wie Vertrauen entsteht: allein in die Zelle gehen, Blickkontakt aufnehmen, Fesseln lösen lassen, Distanz abbauen, keine unnötige Hierarchie erzeugen, die Sprache des Gegenübers finden. Es geht nicht darum, jemanden zu manipulieren. Es geht darum, der beschuldigten Person spürbar zu machen: Ich bin jetzt auf deiner Seite. Ich will verstehen, was los ist. Und ich helfe dir, nicht aus Angst, Schock oder Überforderung etwas zu sagen, das dir später schadet.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Rolle von Dolmetscherinnen und Dolmetschern. In Strafverfahren hängt viel davon ab, wie Fragen, Antworten, Nuancen und Emotionen übersetzt werden. Am Ende zählt, was protokolliert wird – und oft ist genau das nur eine übersetzte, verdichtete Version dessen, was tatsächlich gesagt wurde. Duri erklärt, weshalb diese Situation für Beschuldigte besonders heikel ist und warum sprachliche Unsicherheit ein weiterer Grund sein kann, in der ersten Einvernahme vorsichtig zu bleiben.

Von dort aus weitet sich das Gespräch: Frank und Duri sprechen über Smalltalk, Improvisation, Partys, echte Fragen und soziale Müdigkeit. Was ist eine gute Frage? Muss man lange warten, bis man persönlich wird? Oder darf man Menschen manchmal auch überraschen, um schneller in ein echtes Gespräch zu kommen? Frank erzählt von spontanen Begegnungen im Alltag, Duri von einem Ikea-Sofa, einem Fiat 500 und der Hilfsbereitschaft fremder Menschen.

Am Ende geht es um Rollen und Echtheit. Spielt ein Anwalt eine Rolle? Spielt jeder Mensch je nach Situation eine andere Facette seiner Persönlichkeit? Frank argumentiert aus der Perspektive des Schauspielers: Menschen experimentieren mit Rollen, Haltungen und Ausdrucksformen. Duri hält dagegen: Ja, man ist nicht immer gleich. Aber man sollte nicht künstlich etwas vorspielen – weder in der Zelle, noch vor Gericht, noch gegenüber Polizei oder Staatsanwaltschaft.

Eine Folge über Strafverteidigung, Kommunikation und Menschenkenntnis. Über die erste Einvernahme in Haft. Über Aussageverweigerung und Vertrauen. Und über die Frage, wie man in kurzer Zeit eine Beziehung herstellt, wenn sehr viel auf dem Spiel steht.

Kapitel: 00:00 Intro: Mit 40i cha mers mit de Tiger 00:34 Frank kommt zu spät 00:49 Welche Fragen öffnen ein Gespräch, wenn wenig Zeit bleibt? 01:35 Haftsituation als Extremfall von Kommunikation 01:59 Zeitdruck durch Polizei und Staatsanwaltschaft 03:20 Wie viel Zeit braucht Verteidigung vor der Einvernahme? 04:11 Vorwurf, Zelle, Haftschock und Vertrauensaufbau 05:40 Was weiss der Verteidiger vor der ersten Einvernahme? 06:24 Warum Schweigen oft schützt 07:26 Wann frühe Aussagen trotzdem wichtig sein können 08:03 Zugewandtheit, Blickkontakt und Fesseln lösen 09:08 Nicht belehren, sondern Strategie finden 10:33 Nonverbale Mittel: Wie entsteht ein Teamgefühl? 11:50 Kleidung, Sprache und Distanzabbau 13:28 Nähe herstellen, aber nicht manipulieren 14:47 Sitzordnung, Zeichnen und gemeinsame Perspektive 16:16 Dolmetscher und Übersetzungsrisiken 19:27 Warum Übersetzung ein Grund für Schweigen sein kann 20:47 Der Klient bleibt Chef seines Falls 21:59 Wie Vernehmer Menschen ins Antworten hineinziehen 23:44 Smalltalk, Improvisation und ungewohnte Fragen 25:28 Fragen ernst nehmen 26:31 «Ist alles gut?» – eine alltägliche Frage wird ernst 28:00 Konkrete Fragen und echte Interaktion 30:26 Soziale Müdigkeit auf Partys 31:55 Rollen, Facetten und Echtheit 34:51 Auftreten vor Gericht: anständig, aber nicht verkleidet 37:30 Rollenbewusstsein ohne Schauspielerei 38:54 Fragen, die schnell in die Tiefe führen 40:13 Darf man Menschen mit persönlichen Fragen überrumpeln? 42:42 Smalltalk und seine Grenzen 43:01 Franks Jumbo-Geschichte 44:09 Duris Ikea-Sofa, der Fiat 500 und spontane Hilfe 47:32 Kulturen, Teilen und Begegnung 48:23 Abschluss

Links zu diesem Podcast:

Die Podcasts «Auf dem Weg als Anwält:in» sind auf duribonin.ch/podcast und auf allen üblichen Plattformen zu hören. Dort einfach nach «Duri Bonin» suchen und abonnieren.

Hinweis: Diese Folge und diese Shownotes dienen der allgemeinen Information und Reflexion über Strafverteidigung, Kommunikation und Strafverfahren. Sie ersetzen keine individuelle Rechtsberatung.


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Über diesen Podcast

In diesem Podcast reflektiert Duri Bonin mit Gästen über Fragen rund um die Arbeit als Anwalt und Strafverteidiger: Was macht eine gute Anwältin aus? Wie organisiert man die Anwaltstätigkeit? Wie handhabt man den Umgang mit Klienten, Gegenanwälten, der Polizei, der Staatsanwaltschaft und den Gerichten? Was zeichnet ein gutes Plädoyer aus? Wie legt man sich eine Verteidigungsstrategie zurecht? Der spannenden Fragen sind vieler. Es ist ein Weg ins Urmenschliche, manchmal gar Allzumenschliche.

von und mit Duri Bonin

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