Auf dem Weg als Anwält:in

Auf dem Weg als Anwält:in

Federer, Nadal & Djokovic: Sieben Schritte für Gerichtsverhandlung & Prüfung | Matchball-Momente 8

Audio herunterladen: MP3 | AAC | OGG | OPUS

Die Routine muss auch ohne Kopfhörer funktionieren

Mitten in der Duplik kommt eine kritische Frage. Der Gedanke reisst ab, die vorbereitete Reihenfolge ist weg. Jetzt braucht es einen Weg zurück zum Zuhören, Ordnen und Antworten.

Duri Bonin entwickelt dafür in Teil 8 von «Matchball-Momente» eine Routine in sieben Schritten. Er greift Anregungen aus dem Spitzensport auf und macht sie für Anwaltsprüfung, Gerichtsverhandlung und Einvernahme nutzbar. Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic sind seine sportlichen Bezugspunkte. Die Frage für die juristische Praxis lautet: Wie lässt sich ein Anfang vorbereiten – und die Rückkehr nach einer Störung trainieren?

Darum geht es in dieser Folge

  • Mit einer konkreten Situation beginnen: Prüfungsstart, Kritik, Unterbrechung oder Blackout.
  • Ein Zielverhalten wählen, das auch bei Nervosität ausführbar bleibt.
  • Einen passenden Song als wiederkehrendes Signal für den Arbeitsbeginn verwenden.
  • Atem, inneren Satz und körperlichen Anker auf die eigene Aufgabe abstimmen.
  • Den ersten fachlichen Schritt vor der Prüfung oder Verhandlung festlegen.
  • Eine Vorbereitung von ungefähr drei Minuten zu einer kurzen Routine für den Gerichtssaal verdichten.
  • Unterbrechungen und kritische Nachfragen gezielt in die Übung aufnehmen.
  • Nach sieben Tagen, zwei Wochen und drei Wochen auswerten, was tatsächlich hilft.
  • Federers Umgang mit Ärger und verlorenen Punkten auf die eigene Arbeitsweise beziehen.
  • Eine unerwartete Aufmerksamkeit in der FREITAG-Tasche als persönlichen Moment in einer Verhandlung erleben.
  • Die Aufmerksamkeit wieder auf das Anliegen der beschuldigten Person richten.

Federer, Nadal und Djokovic: Nach dem Fehler weiterarbeiten

Bonin greift die drei Tennisspieler auf, um eine Anforderung sichtbar zu machen: Ein Fehler ist geschehen, das Publikum hat ihn gesehen, der nächste Punkt steht bevor. Die Aufmerksamkeit muss wieder für die aktuelle Aufgabe verfügbar werden.

Roger Federer beschreibt diese Entwicklung in seiner Rede am Dartmouth College vom 9. Juni 2024: Er musste den Umgang mit Ärger über Jahre lernen. Einen abgeschlossenen Punkt hinter sich zu lassen, schafft nach seiner Darstellung Raum für die Konzentration auf den nächsten.

Bonin überträgt diesen Gedanken auf das Zuhören und Antworten in einer Drucksituation. Folgende sieben Schritte sind sein Vorschlag für die Vorbereitung darauf.

In sieben Schritten zur eigenen Routine

1. Eine konkrete Situation wählen

«Besser mit Druck umgehen» lässt offen, was geübt werden soll. Duri Bonin beginnt enger: der Prüfungsstart, eine Unterbrechung vor dem Obergericht oder der Wiedereinstieg nach einem Blackout. Der Ansatz lässt sich ebenso auf die erste Gerichtsverhandlung oder den Beginn einer Einvernahme übertragen. Zunächst steht eine einzelne Situation im Zentrum.

2. Ein ausführbares Zielverhalten bestimmen

Das Ziel beschreibt eine Handlung: die Frage vollständig anhören, kurz atmen und die Antwort ordnen. Bei einer Unterbrechung kann der Auftrag lauten, zuerst den Inhalt der Nachfrage zu verstehen. Ob das gelungen ist, lässt sich nach der Übung beurteilen. Das Gefühl, weniger nervös zu sein, wäre dafür allein noch kein Massstab.

3. Einen passenden Song auswählen

Duri empfiehlt, ein Musikstück wiederholt mit dem gewählten Start zu verbinden. Die Auswahl richtet sich danach, was gebraucht wird: Ruhe, Klarheit, Mut oder Energie. Entscheidend ist, ob der Song den Übergang zur Arbeit unterstützt. Später lässt sich erproben, ob der Beginn auch ohne Musik vertraut geworden ist.

4. Einen Atemrhythmus erproben

Als Beispiel nennt Bonin vier Sekunden Einatmen, sechs Sekunden Ausatmen und fünf Atemzüge. Zugleich betont er die unterschiedlichen persönlichen Rhythmen. Die Zahlen geben eine Übungsidee vor. Im Ablauf soll das bewusste Atmen helfen, innezuhalten, den Körper wahrzunehmen und sich auf den Beginn auszurichten.

5. Einen kurzen inneren Satz wählen

«Ich ordne zuerst.» Oder: «Ruhig, klar, Schritt für Schritt.» Der Satz muss kurz genug bleiben, um in der gewählten Situation verwendbar zu sein. Duri empfiehlt, zunächst eine Formulierung beizubehalten. Sie verweist auf das anschliessende Verhalten: Wer sich «Ich ordne zuerst» sagt, braucht danach einen Moment zum Ordnen.

6. Eine unauffällige körperliche Handlung festlegen

Die Füsse am Boden spüren, die Schultern sinken lassen, den Stift ruhig in die Hand nehmen oder ein Glas Wasser bewusst abstellen: Solche Handlungen lassen sich mit dem Ablauf verbinden. Entscheidend ist ihre Alltagstauglichkeit. Im Gerichtssaal muss der Anker auch während einer Frage oder nach einer Unterbrechung nutzbar sein.

7. Den ersten fachlichen Schritt bestimmen

Hier mündet die Vorbereitung in die Arbeit. In der mündlichen Prüfung: die Frage bis zum Ende hören und eine passende Struktur entwickeln. In der schriftlichen Prüfung: den Sachverhalt vollständig lesen und bei Bedarf eine Skizze erstellen. Vor einem Referat: in den Raum schauen und den ersten Satz sprechen. Für eine Einvernahme lässt sich daraus ableiten, den Einstieg und die erste Frage vorzubereiten.

Drei Minuten vorher, eine kurze Fassung mittendrin

Für die Vorbereitung verbindet Bonin die Bausteine zu einem Ablauf von ungefähr drei Minuten: Musik starten, ankommen, einige bewusste Atemzüge nehmen, die Füsse spüren, den inneren Satz verwenden, den Anfang vorstellen und den ersten Handlungsschritt ausführen.

Während der Verhandlung steht die Musik nicht zur Verfügung. Für Kritik, eine Unterbrechung oder den verlorenen Faden schlägt Duri deshalb eine Kurzfassung vor:

Füsse spüren. Atmen. Inneren Satz aufrufen. Den nächsten Schritt tun.

Entscheidend ist, dass die Kurzfassung im tatsächlichen Ablauf Platz findet und in eine sachliche Handlung führt.

Eine Überraschung in der FREITAG-Tasche

Während einer Verhandlung mit einer grossen Wirtschaftskanzlei taucht beim Öffnen der Tasche eine «kleine Aufmerksamkeit» auf (ein grosser Radiergummi als blauer Eisbär und/oder rotes Nashorn), die Kollegin Langner hineingelegt hat. Der unerwartete Gegenstand löst Lachen aus.

Die Szene zeigt einen persönlichen Moment mitten in einer formellen beruflichen Situation. Für die bewusst aufgebaute Routine empfiehlt Duri allerdings eine diskretere Handhabung, die sich gezielt wiederholen lässt.

Praxis: Eine Woche lang den Anfang und die Rückkehr üben

Bonin schlägt vor, die gewählte Routine zunächst sieben Tage lang täglich auszuprobieren: vor einer Lerneinheit, einer Falllösung oder einer mündlichen Abfrage. Daraus ergibt sich ein einfacher Übungsrahmen:

  1. Eine konkrete Aufgabe und ihren ersten Handlungsschritt festlegen.
  2. Die vorbereitete Routine durchführen und unmittelbar mit dieser Aufgabe anfangen.
  3. Bei einer mündlichen Übung eine kritische Nachfrage oder Unterbrechung einbauen lassen.
  4. Die Kurzfassung anwenden und die sachliche Arbeit wieder aufnehmen.
  5. Anschliessend festhalten: Wo war die Aufmerksamkeit vor dem Start? Was gelang beim Einstieg? Wie erfolgte die Rückkehr nach der Störung?

Nach sieben Tagen, zwei Wochen und drei Wochen lässt sich vergleichen, ob der Ablauf vertrauter geworden ist und welche Bestandteile tatsächlich helfen. Diese Zeitpunkte sind Gelegenheiten zur Auswertung. Sie sagen nicht voraus, wann eine Routine automatisch funktioniert.

Zur Auswertung gehört auch die fachliche Seite: Wurde die Nachfrage richtig verstanden? Passte die Gliederung? War der nächste Satz inhaltlich tragfähig? Geübt wird die Verbindung von Selbststeuerung und juristischer Arbeit.

Wofür die Rückkehr zur Aufgabe gebraucht wird

Vor dem Obergericht geht es um die Lage eines Menschen, dessen Zukunft verhandelt wird. Eine kritische Frage muss gehört, ein Argument geprüft und ein Anliegen verständlich vorgebracht werden.

Für Duri Bonin dient die Rückkehr zur Sache dieser Verantwortung. Auch für die Staatsanwaltschaft bleibt die Aufgabe konkret: einer Antwort aufmerksam folgen, die Befragung strukturieren und den nächsten Schritt überlegt setzen. Der Massstab einer Routine liegt in der Qualität des anschliessenden Handelns.

Die Reihe «Matchball-Momente»

Die Reihe untersucht, wie Menschen vorbereitete Fähigkeiten unter Druck einsetzen können. Teil 8 bündelt die bisherigen Anregungen in einer eigenen Routine und zeigt, wie sich deren Anwendung im Alltag erproben lässt.

Bücher zur Folge

Links und Quellen zu dieser Folge

Podcast hören und abonnieren

Die Podcasts «Auf dem Weg als Anwält:in» sind unter duribonin.ch/podcast und auf allen üblichen Podcastplattformen zu hören 🎧. Dort einfach nach «Duri Bonin» suchen und abonnieren.

Über Duri Bonin

Duri Bonin ist Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Zürich. Er verteidigt beschuldigte Personen in Strafverfahren bei der Polizei, vor Staatsanwaltschaften und Gerichten – in Zürich und schweizweit. Strafverteidigung und Kontakt und www.blra.ch.

Bücher und weitere Podcast


Kommentare


Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.

Über diesen Podcast

In diesem Podcast reflektiert Duri Bonin mit Gästen über Fragen rund um die Arbeit als Anwalt und Strafverteidiger: Was macht eine gute Anwältin aus? Wie organisiert man die Anwaltstätigkeit? Wie handhabt man den Umgang mit Klienten, Gegenanwälten, der Polizei, der Staatsanwaltschaft und den Gerichten? Was zeichnet ein gutes Plädoyer aus? Wie legt man sich eine Verteidigungsstrategie zurecht? Der spannenden Fragen sind vieler. Es ist ein Weg ins Urmenschliche, manchmal gar Allzumenschliche.

von und mit Duri Bonin

Abonnieren

Follow us