Auf dem Weg als Anwält:in

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Shiffrin & Odermatt: Wenn der Kopf vor Gericht blockiert | Matchball-Momente 7

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Warum fehlt in der Anwaltsprüfung oder vor Gericht plötzlich der nächste Gedanke, obwohl das Wissen da ist? Duri Bonin erklärt, wie Druck Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Sprechen verändert.

In Teil 7 von «Matchball-Momente» greift er Beispiele von Mikaela Shiffrin, Marco Odermatt und Michael Phelps auf und überträgt Techniken aus dem Spitzensport auf die juristische Praxis. Anwält:innen und Staatsanwält:innen erfahren, wie Atem, innere Sätze und Wenn-dann-Pläne den Weg zurück zur Aufgabe vorbereiten – auch bei der ersten Gerichtsverhandlung oder Einvernahme.

Die Frage der Prüfungskommission ist noch nicht zu Ende. Im Kopf läuft bereits eine zweite Prüfung: «Was ist, wenn ich die Antwort nicht weiss? Merken die anderen, dass ich nervös bin?» Wer jetzt auf die eigentliche Frage antworten soll, muss den Sachverhalt ordnen, während die Sorge um den eigenen Auftritt Aufmerksamkeit beansprucht. Vor Gericht kann dieselbe Konkurrenz entstehen.

Warum kann ein kurzer Satz, ein vertrauter Song oder ein vorbereiteter Atemzug hier helfen? Duri Bonin geht in dieser Folge von «Matchball-Momente» den Mechanismen hinter den Routinen nach. Der Zürcher Strafverteidiger verbindet Beispiele aus dem Spitzensport mit Anwaltsprüfung, Gerichtsverhandlung und schwierigen Mandatsgesprächen.

Mikaela Shiffrin steht für Musik und Fokus, Marco Odermatt in Bonins Übertragung für den persönlichen inneren Satz, Michael Phelps für eingeübte Abläufe. Die gemeinsame Frage lautet: Wie kommt die Aufmerksamkeit zurück zu dem, was jetzt wichtig ist?

Darum geht es in dieser Folge

  • Wie die Sorge um den eigenen Eindruck das Zuhören bei Prüfungsfragen und gerichtlichen Rückfragen erschweren kann
  • Weshalb Sachverhalt, Rechtsfrage und Antwort um begrenzte Kapazität im Arbeitsgedächtnis konkurrieren
  • Was Bonin am Beispiel von Michael Phelps über vorbereitete Abläufe und weniger Entscheidungen im Druckmoment erläutert
  • Warum bewusstes Ausatmen ein Ansatzpunkt sein kann, wenn Stimme und Sprechtempo unter Druck geraten
  • Weshalb bei Mikaela Shiffrins Musikauswahl der gewünschte Zustand zählt
  • Wie sich für Bonin die Musik von Bob Dylan mit den Erinnerungen an gelesene Bücher verbindet
  • Warum eine mentale Vorbereitung auch den leeren Kopf und den Wiedereinstieg enthalten sollte
  • Was einen handlungsleitenden inneren Satz von einer Bewertung der eigenen Person unterscheidet
  • Wie Ablenkung und übermässige Kontrolle eingeübter Abläufe die Leistung beeinträchtigen können
  • Wie aus «Ich will souverän sein» ein konkreter Wenn-dann-Plan wird
  • Was die Rückkehr zur Aufgabe für Prüfung, Verhandlung und Einvernahme bedeutet
  • Welche berufliche Haltung hinter Bonins Schlussfrage nach der Person steht, die er im entscheidenden Moment sein will

Aufmerksamkeit: Die Frage hören, während der Kopf den Auftritt bewertet

Unter Druck können die Aufgabe, das mögliche Ergebnis, ein kritischer Gesichtsausdruck und die eigene Nervosität gleichzeitig Aufmerksamkeit beanspruchen. Die Sorge, nervös oder unvorbereitet zu wirken, können ausgerechnet das Zuhören erschweren, das für eine gute Antwort nötig wäre.

Die Theorie der Aufmerksamkeitskontrolle von Eysenck und Mitautor:innen beschreibt, wie Angst die zielgerichtete Steuerung der Aufmerksamkeit beeinträchtigen und die Orientierung an bedrohlich wirkenden Reizen verstärken kann. Die Bearbeitung derselben Aufgabe kann dadurch zusätzlichen Aufwand verlangen.

Bonins Ansatz setzt an der nächsten Handlung an. «Ich höre jetzt zu» richtet die Aufmerksamkeit auf die Frage. «Ich ordne zuerst» legt den Beginn der Antwort fest. Der innere Satz soll zum juristischen Arbeiten führen.

Arbeitsgedächtnis: Wenn neben dem Fall noch zu viel anderes läuft

Was ist geschehen? Welche Norm ist einschlägig? Welcher Umstand ist beweisbedürftig? Beim juristischen Denken müssen Informationen kurzfristig verfügbar bleiben und verknüpft werden. Sorgen und Selbstbeobachtung können diese Arbeit zusätzlich belasten.

Eine Metaanalyse von Shields, Sazma und Yonelinas fand im Durchschnitt Beeinträchtigungen des Arbeitsgedächtnisses und der geistigen Flexibilität unter akutem Stress. Die Effekte hängen von Aufgabe und Untersuchungsbedingungen ab.

An Michael Phelps knüpft Duri Bonin den Gedanken, Abläufe vorab festzulegen. Ein vorbereiteter Einstieg und ein eingeübter Wiedereinstieg sparen Entscheidungen. Die Rechtsfrage verlangt weiterhin sorgfältiges Denken; der Weg zurück zu diesem Denken kann bereits vertraut sein.

Ablenkung und Überkontrolle: Zwei unterschiedliche Probleme

Druck kann Aufmerksamkeit von der Aufgabe abziehen. Er kann auch dazu führen, dass eingeübte Abläufe plötzlich bis ins kleinste Detail überwacht werden. Bonin veranschaulicht diese Überkontrolle mit einer sportlichen Bewegung und dem Sprechen: Wer während eines Vortrags jede eigene Formulierung beobachtet, kann den Gedankenfluss verlieren.

Die Forschung unterscheidet diese Erklärungen nach der Aufgabe. Befunde zu eingeübten Bewegungen lassen sich nicht unverändert auf juristische Falllösungen übertragen, bei denen die Arbeitsgedächtniskapazität eine besondere Rolle spielt.

Für die Praxis heisst das: Die fachliche Argumentation wird bewusst geprüft. Einstieg, Pausen und Wiedereinstieg lassen sich zugleich so üben, dass weniger Aufmerksamkeit für die Steuerung des Auftretens gebraucht wird.

Atem und Musik: Den Zustand passend zur Aufgabe wählen

Bonin beschreibt einen Stressmoment: Die Stimme wird enger, das Reden schneller, die Person möchte den Druck möglichst rasch loswerden. Bewusstes, ruhiges Ausatmen bietet ihm einen Ansatz, diese Beschleunigung zu unterbrechen. Forschung zu langsamem Atmen beschreibt Veränderungen unter anderem der Herzfrequenzvariabilität und des subjektiven Erlebens. Ein einzelner Atemzug garantiert keine Auflösung einer Blockade.

Auch Musik erhält ihren Wert durch die Situation. Shiffrin erklärt im NPR-Interview, dass sie Musik vor Rennen für Fokus und Inspiration auswählt. Musik, die sie zur Selbstreflexion bringt, passt für sie in einen anderen Moment.

Bonin veranschaulicht die persönliche Wirkung mit einer Lesegewohnheit: Ein Buch und ein wiederholt gehörtes Album von Bob Dylan können sich in seiner Erinnerung eng verbinden. Die Musik lässt dann auch die Stimmung des Buches wieder auftauchen.

Studien zu Musik im Sport berichten durchschnittlich positive Effekte etwa auf das emotionale Erleben und die wahrgenommene Anstrengung. Bonins Übertragung auf den Auftritt vor Gericht richtet sich auf eine praktische Frage: Welche Verfassung verlangt die nächste Aufgabe? Vor einem schwierigen Mandatsgespräch kann aufmerksame Ruhe gefragt sein; vor einem Plädoyer können Klarheit, Präsenz und Entschiedenheit im Vordergrund stehen.

Visualisierung: Auch den schwierigen Moment gedanklich durchgehen

Die Frage kommt. Der Kopf wird leer. Eine kurze Pause entsteht. Dann folgt ein vorbereiteter Satz: «Ich ordne das jetzt kurz.»

Bonin lässt die mentale Probe bis in die Störung und den anschliessenden Wiedereinstieg reichen. So erhält der kritische Moment einen möglichen Fortgang. Dieser Ablauf lässt sich anschliessend laut und mit einer Übungspartnerin erproben: zuhören, kurz ordnen, beginnen.

Für die erste Gerichtsverhandlung kann die Probe eine unerwartete Rückfrage enthalten. Als Übertragung auf die erste Einvernahme bietet sich eine Antwort an, die den vorbereiteten Fragenplan verändert. Geübt wird, den neuen Inhalt aufzunehmen und sachlich weiterzuarbeiten.

Selbstgespräche: Eine Anweisung für die nächste Handlung

«Jetzt ist alles vorbei» bewertet die Lage, ohne einen nächsten Schritt zu benennen. «Zurück zur Struktur» enthält einen Arbeitsauftrag. Bonin interessiert sich für diese Funktion innerer Sprache.

Marco Odermatt dient ihm als Beispiel für einen persönlichen Satz; an Max Verstappen knüpft er die Konzentration auf das unmittelbar Anstehende. Die Formulierungen für Jurist:innen sind Bonins Übertragung: «Ich ordne zuerst», «Was ist zu prüfen?» oder «Was ist der nächste Schritt?» Entscheidend ist, welche Handlung der Satz anstösst.

Praxis: Aus einer Absicht einen Wenn-dann-Plan machen

«Ich will ruhig bleiben» lässt offen, was bei aufkommender Hektik geschieht. Wenn-dann-Pläne verbinden einen erkennbaren Auslöser mit einer vorbereiteten Handlung.

Für die nächste Simulation lässt sich daraus folgende Übung ableiten:

  1. Einen Auslöser wählen: Der Faden reisst, eine kritische Rückfrage kommt oder das eigene Sprechtempo steigt.
  2. Eine kurze Reaktion festlegen: bewusst ausatmen, den offenen Punkt benennen oder eine unklare Frage präzisieren lassen.
  3. Beides verbinden: «Wenn ich den Faden verliere, dann sage ich: Ich ordne das jetzt kurz – und benenne die offene Frage.»
  4. Die Situation laut durchspielen und die Störung tatsächlich einbauen.
  5. Danach prüfen: Hat die Handlung zum Zuhören und sachlichen Weiterarbeiten zurückgeführt?

Bei einer Einvernahme kann die Staatsanwältin nach einer überraschenden Antwort zunächst nachfragen. Der Verteidiger kann sich daran orientieren, den Inhalt vollständig zu erfassen, bevor er interveniert. Die Routine wird an die berufliche Rolle angepasst.

Zurück zu der Person, die in diesem Moment gebraucht wird

Die Frage «Wie wirke ich?» kann den Blick auf die eigene Person verengen. Im Mandatsgespräch sitzt jedoch ein anderer Mensch gegenüber, dessen Anliegen verstanden werden muss. Vor Gericht braucht die beschuldigte Person eine Verteidigung, die zuhört, prüft und verständlich reagiert.

Bonin beschreibt mentale Stärke als Fähigkeit, nach einer Störung zurückzukehren: zur Aufgabe, zur Struktur, zum Atmen und zum nächsten Satz. Seine Schlussfrage verbindet die Technik mit beruflicher Haltung. Wer möchte er in diesem Moment sein – und welche nächste Handlung entspricht dieser Haltung?

Die Reihe «Matchball-Momente»

Die Reihe untersucht, wie sich Techniken aus dem Spitzensport für Anwaltsprüfung und juristische Praxis nutzbar machen lassen. Teil 7 vertieft die Mechanismen: Was verändert Druck am Denken – und woran können Routinen ansetzen?

Bücher zur Vertiefung

Links und Quellen zu dieser Folge

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Über Duri Bonin

Duri Bonin ist Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Zürich. Er verteidigt beschuldigte Personen in Strafverfahren bei der Polizei, vor Staatsanwaltschaften und Gerichten – in Zürich und schweizweit. Strafverteidigung und Kontakt und www.blra.ch.

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Über diesen Podcast

In diesem Podcast reflektiert Duri Bonin mit Gästen über Fragen rund um die Arbeit als Anwalt und Strafverteidiger: Was macht eine gute Anwältin aus? Wie organisiert man die Anwaltstätigkeit? Wie handhabt man den Umgang mit Klienten, Gegenanwälten, der Polizei, der Staatsanwaltschaft und den Gerichten? Was zeichnet ein gutes Plädoyer aus? Wie legt man sich eine Verteidigungsstrategie zurecht? Der spannenden Fragen sind vieler. Es ist ein Weg ins Urmenschliche, manchmal gar Allzumenschliche.

von und mit Duri Bonin

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