Auf dem Weg als Anwält:in

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Klopp & Guardiola: Die Gerichtsverhandlung trainieren | Matchball-Momente 6

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Das Gericht unterbricht harsch. Der eigene Gedanke ist noch nicht zu Ende formuliert. Jetzt weiterreden, schneller werden, sich rechtfertigen – oder erst verstehen, worauf die Frage zielt? In diesem Moment entscheidet sich, ob die Vorbereitung auch dann trägt, wenn die Verhandlung aus dem Ruder zu laufen droht.

Duri Bonin führt in dieser Folge von «Matchball-Momente» vom Einüben einer Routine zu ihrem Einsatz am Prüfungstag und vor Gericht. Der Zürcher Strafverteidiger greift Trainingsideen von Jürgen Klopp und Pep Guardiola auf: Wer eine Leistung unter schwierigen Bedingungen abrufen will, muss diese Bedingungen in die Vorbereitung einbauen. Dazu gehören Unterbrechungen, ein verlorener Faden, eine notwendige Korrektur und ein unerwarteter Einwand.

Für Anwält:innen und Staatsanwält:innen wird daraus eine konkrete Aufgabe: den ersten Satz und die Rückkehr nach einer Störung vorbereiten. Im Gerichtssaal geht es um Menschen, deren Freiheit und Zukunft vom Verfahren berührt werden.

Darum geht es in dieser Folge

  • Wie die eingeübte Routine am Prüfungstag auf Füsse, Atem, inneren Satz und ersten Arbeitsschritt verkürzt wird
  • Warum der Druck vor der ersten Gerichtsverhandlung eine andere Bedeutung bekommt, wenn es um die Freiheit eines anderen Menschen geht
  • Was Duri Bonin aus den Trainingsansätzen von Jürgen Klopp und Pep Guardiola für die Vorbereitung auf Unterbrechungen ableitet
  • Welche Störungen neben dem idealen Ablauf geprobt werden sollten: Zwischenfrage, Korrektur, persönlicher Angriff und verlorener Faden
  • Warum der erste Satz tragfähig sein muss, ohne besonders originell oder brillant zu sein
  • Wie Duri sich mit einem früh ausgearbeiteten Plädoyer vor zusätzlichem Zeitdruck am Gerichtstermin schützt
  • Welchen Zustand ein Song auf dem Weg ans Gericht unterstützen soll: ruhig, bestimmt und präzise
  • Wie sich eine Unterbrechung aufnehmen lässt, ohne das eigene Sprechtempo reflexartig zu erhöhen
  • Weshalb die kritische Auswertung des eigenen Auftritts nach der Verhandlung ihren Platz hat
  • Was von Baggio, Shiffrin, Mihambo, Verstappen, Odermatt und Sarrazin für den nächsten ausführbaren Schritt bleibt

Am Entscheidungstag wird die Routine kürzer

Am Entscheidungstag braucht es einen vertrauten Ablauf, der auch ohne Musik funktioniert. Auf dem Weg kann der gewählte Song noch dazugehören. Im Prüfungsraum oder im Gerichtssaal bleiben die kleinen Schritte: die Füsse wahrnehmen, ausatmen, den eigenen Satz erinnern und mit dem Ordnen beginnen.

«Ich ordne zuerst» benennt eine unmittelbar ausführbare Handlung. Die Antwortstruktur folgt daraus. Vertraut wird dieser Einstieg durch die Wiederholung vor dem Entscheidungstag.

Klopp und Guardiola: Auch die Störung gehört ins Training

Ein Penalty nach dem Fehlschuss eines Mitspielers ist eine andere Drucksituation als ein ungestörter Trainingsversuch. Für Bonin müssen deshalb auch die Bedingungen geübt werden, unter denen eine Leistung gebraucht wird.

An Jürgen Klopp knüpft er die Vorbereitung auf belastende Spielsituationen, an Pep Guardiola die Verbindung zwischen Training und späterer Leistung. Eine entsprechende Vorbereitung auf das Plädoyer enthält deshalb auch Zwischenfragen.

Liverpool dokumentiert Übungen mit Behinderungen und engem Raum für Torhüter. Manchester City beschreibt unter Guardiola das Halten des Balls unter Druck und die genaue Arbeit an Spielsituationen. Bonins Übertragung lautet: trotz einer Störung zuhören, ordnen und sinnvoll fortfahren.

Der erste Satz muss tragen

Vor der ersten Hauptverhandlung lassen sich Einstieg, Gliederung, Vorfragen und die drei wichtigsten Punkte vorbereiten. Dazu gehört, wie eine Korrektur ausgesprochen und nach einer Unterbrechung an die Argumentation angeknüpft wird.

Duri beschreibt seine persönliche Routine, das Plädoyer drei Wochen vor der Gerichtsverhandlung auszuarbeiten. Er möchte den Fall und seine Argumentation so gut kennen, dass er nicht an jedem Wort des Manuskripts hängt.

Der erste Satz muss einen sachlich passenden Anfang ermöglichen. Das gilt ebenso für die Anwaltsprüfung. Er braucht keine besondere Genialität; die Antwort muss sich von ihm aus entwickeln lassen.

Wenn das Gericht unterbricht: Tempo herausnehmen, den Einwand verstehen

Der Gedanke soll unbedingt noch zu Ende gebracht werden; eine Nachfrage fühlt sich wie Kritik an der gesamten Vorbereitung an. Bonin empfiehlt, genau in diesem Moment nicht zu beschleunigen.

Ausatmen, zuhören und klären, worauf die Unterbrechung zielt: Fehlt eine Erklärung? Ist ein Begriff ungenau? Bleibt eine bestimmte Frage unbeantwortet?

Ein sachlicher Einwand kann eine Präzisierung oder Korrektur verlangen. Bleibt die eigene Auffassung bestehen, braucht sie eine klare Begründung. Ruhig zu reagieren bedeutet, den eigenen Standpunkt verständlich zu vertreten. Die Aufmerksamkeit soll bei der Sache bleiben.

Die beschuldigte Person braucht eine handlungsfähige Verteidigung

Die beschuldigte Person sitzt daneben. Sie muss dem Verfahren folgen können und wissen, was als Nächstes geschieht. Ihre Anspannung und die Verantwortung für ihre Interessen gehören zur Vorbereitung.

Duri Bonin fragt, wie die Klientschaft vorbereitet wurde und was geschieht, wenn ihr der Faden reisst. Der Vergleich mit einem Coach betrifft die Begleitung: Orientierung geben, den Ablauf erklären und auf Schwierigkeiten vorbereitet sein.

Wie bleibt er wirksam, obwohl ihn das Geschehen berührt? Vor einem Plädoyer sucht Duri einen ruhigen, bestimmten und präzisen Zustand. Ein persönlich gewählter Song kann auf dem Weg dorthin dazugehören. Im Saal zählen verständliche Worte und überlegte Handlungen.

Erst weiterarbeiten, danach auswerten

War die Darstellung zu ausführlich? Sollte das Plädoyer zu viel auf einmal leisten? Diese Fragen gehören in die Nachbereitung. Während der Verhandlung steht zunächst die aktuelle Aufgabe an.

Bonin möchte vermeiden, mitten in einer Antwort den gesamten eigenen Auftritt zu bewerten. Nachher wird geprüft, was fachlich fehlte und wo Klarheit oder angemessenes Tempo verloren gingen. Daraus entsteht die nächste Übungsaufgabe.

Von den Sportbeispielen zum eigenen Verhalten

In der Rückschau auf Roberto Baggio betont Bonin, dass selbst höchste Klasse nicht vor einem misslungenen entscheidenden Versuch schützt. Bei Mikaela Shiffrin greift er Musik und innere Bilder als Vorbereitung auf. Shiffrin beschreibt selbst, wie sie Musik vor Rennen für Fokus und Inspiration auswählt.

Malaika Mihambo und Max Verstappen verbindet Bonin mit der Ausrichtung auf den unmittelbar anstehenden Ablauf: den nächsten Versuch, den nächsten notwendigen Schritt. Marco Odermatt steht in seiner Übertragung für einen persönlichen inneren Satz; Cyprien Sarrazin für die Arbeit daran, einen hilfreichen Zustand verlässlich wiederzufinden.

Welche konkrete Handlung bringt zurück zur Aufgabe? Darin liegt der Massstab für die eigene Routine: Nach der Unterbrechung wieder zuhören, denken und sprechen können.

Praxis: Den Wiedereinstieg ausdrücklich proben

Aus der Folge lässt sich folgende Übung für eine Prüfungssimulation oder die Vorbereitung einer Gerichtsverhandlung ableiten:

  1. Den ersten Satz und die drei wichtigsten Punkte festlegen.
  2. Den Einstieg laut sprechen und sich dabei bewusst unterbrechen lassen.
  3. Die Zwischenfrage vollständig hören, ausatmen und klären, worauf sie zielt.
  4. Den Einwand beantworten oder die eigene Aussage korrigieren; anschliessend zum passenden Punkt der Gliederung zurückkehren.
  5. Erst nach dem Durchgang auswerten: Was war unklar? Wo wurde das Tempo zu hoch? Welcher Wiedereinstieg hat getragen?

Der Grundgedanke lässt sich auf die erste Einvernahme übertragen: Eine Staatsanwältin übt, nach einer unerwarteten Antwort die nächste Frage zu überdenken; ein Verteidiger, trotz Anspannung zuzuhören und einen notwendigen Einwand verständlich zu formulieren.

Die Reihe «Matchball-Momente»

Die Reihe fragt, wie sich vorbereitete Fähigkeiten unter Druck einsetzen lassen. Der Teil 6 führt in den Ernstfall: zum Prüfungstag, in die erste Gerichtsverhandlung und zum Wiedereinstieg nach einer Unterbrechung.

Das Buch zur Vertiefung

Links und Quellen zu dieser Folge

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Die Podcasts «Auf dem Weg als Anwält:in» sind unter duribonin.ch/podcast und auf allen üblichen Podcastplattformen zu hören 🎧. Dort einfach nach «Duri Bonin» suchen und abonnieren.

Über Duri Bonin

Duri Bonin ist Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Zürich. Er verteidigt beschuldigte Personen in Strafverfahren bei der Polizei, vor Staatsanwaltschaften und Gerichten – in Zürich und schweizweit. Strafverteidigung und Kontakt und www.blra.ch.

Bücher und weitere Podcast

Kapitel

00:00 Die Mikroroutine am Prüfungstag 01:06 Erste Verhandlung: Verantwortung tragen 02:13 Störungen gezielt ins Training einbauen 04:02 Das Plädoyer früh im Kopf haben 05:10 Vor Gericht: Tempo und Unterbrechung 06:16 Die Verhandlung nachbearbeiten 06:39 Einwände aufnehmen und präzisieren 07:50 Von Baggio bis Klopp: Was bleibt? 08:21 Leistung abrufen und Podcast-Ausklang


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Über diesen Podcast

In diesem Podcast reflektiert Duri Bonin mit Gästen über Fragen rund um die Arbeit als Anwalt und Strafverteidiger: Was macht eine gute Anwältin aus? Wie organisiert man die Anwaltstätigkeit? Wie handhabt man den Umgang mit Klienten, Gegenanwälten, der Polizei, der Staatsanwaltschaft und den Gerichten? Was zeichnet ein gutes Plädoyer aus? Wie legt man sich eine Verteidigungsstrategie zurecht? Der spannenden Fragen sind vieler. Es ist ein Weg ins Urmenschliche, manchmal gar Allzumenschliche.

von und mit Duri Bonin

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