Auf dem Weg als Anwält:in

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Shiffrin & Co.: Warum Wissen unter Druck nicht genügt | Matchball-Momente 5

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Monatelang gelernt oder die Hauptverhandlung akribisch vorbereitet. Dann kommt die erste Frage, der erste Stolperstein – und der Kopf beschäftigt sich mit dem Scheitern.

Das Thema ist bekannt. Am Schreibtisch wäre ein Einstieg möglich gewesen. Jetzt sitzt die Prüfungskommission oder das Obergericht gegenüber, der Mund wird trocken, und zwischen Frage und Antwort schiebt sich ein anderer Gedanke: Was, wenn ich das nicht kann?

Duri Bonin nimmt diesen Moment zum Ausgangspunkt. Der Zürcher Strafverteidiger überträgt die Routinen aus der Reihe «Matchball-Momente» auf die mündliche Anwaltsprüfung und die anwaltliche Praxis. Die Aufgabe ist konkret: einen Anfang finden, während der Druck bereits da ist. Dafür braucht es neben Fachwissen einen Ablauf, der schon vor dem Prüfungstag und der Gerichtsverhandlung geübt wurde.

Sein Vorschlag verbindet einen vertrauten Song, Atem und Körperhaltung mit einem kurzen inneren Satz und der Vorstellung des ersten Arbeitsschritts. Die eigentliche Bewährungsprobe kommt an den schlechten Tagen: Lässt sich auch dann anfangen, wenn Ruhe, Motivation und Selbstvertrauen gerade fehlen?

Darum geht es in dieser Folge

  • Warum das Lösen eines Falls am Schreibtisch andere Anforderungen stellt als eine Antwort vor der Prüfungskommission.
  • Weshalb zusätzliches Lernen ein Problem mit dem Einstieg nicht automatisch behebt.
  • Wie aus dem Wunsch «Ich will nicht nervös sein» ein konkreter Auftrag an das eigene Verhalten wird.
  • Welche Funktion ein wiederkehrender Song vor einer Prüfungssimulation oder Gerichtsverhandlung übernehmen kann.
  • Was Duri Bonin aus Mikaela Shiffrins Arbeit mit Musik und inneren Bildern für die Prüfungsvorbereitung und die anwaltlich Arbeit ableitet.
  • Wie eine Routine von drei bis fünf Minuten in einen ersten fachlichen Schritt mündet.
  • Warum Duri den Prüfungsbeginn gedanklich proben lässt, statt nur das Bestehen auszumalen.
  • Wie sich die Routine auch an Tagen üben lässt, an denen Unruhe und Zweifel stören.
  • Was diese Vorbereitung für ein Plädoyer oder ein schwieriges Gespräch mit einer beschuldigten Person bedeutet.

Die Vorbereitung muss den Moment der Antwort enthalten

Wer für die Anwaltsprüfung lernt, arbeitet an Begriffen, Voraussetzungen, Zusammenhängen und Falllösungen. Im Prüfungsraum kommt eine weitere Aufgabe hinzu: Dieses Wissen muss unter Druck verfügbar werden. Eine Frage wird gestellt, der Sachverhalt muss geordnet und eine Antwort laut entwickelt werden. Zeitdruck, Bewertung und Nachfragen gehören zur Situation.

Genau hier setzt Duri an. Eine Wissenslücke verlangt fachliche Arbeit. Aber Leistung unter Druck braucht auch Übung. Die Routine erhält dabei einen festen Platz vor der Aufgabe. Sie soll mit dem Arbeiten vertraut werden, für das sie später gebraucht wird.

Ein Ziel, das sich ausführen lässt

«Ich will nicht nervös sein» beschreibt einen ersehnten Zustand. Was soll eine Kandidatin tun, wenn sie am Prüfungstag dennoch nervös ist?

Duri schlägt Ziele vor, die näher am eigenen Verhalten liegen: klar anfangen, strukturiert antworten, langsam genug sprechen, zuerst ordnen. Daraus lässt sich ein konkreter Ablauf machen: die Frage vollständig hören, ausatmen, den Gegenstand bestimmen und beim ersten passenden Punkt beginnen.

Ein innerer Satz kann diese Absicht bündeln. «Ich ordne zuerst» ist kurz genug, um im Moment der Anspannung verfügbar zu sein. «Ich muss jetzt nicht alles auf einmal lösen» begrenzt die Aufgabe auf das, was gerade ansteht.

Diese Sätze haben eine praktische Funktion. Sie sollen zum Zuhören und Denken zurückführen. Erst die anschliessende Handlung zeigt, ob das gelingt.

Was ein Song leisten soll

Mikaela Shiffrin beschreibt Musik als Hilfe, um sich vor Rennen zu fokussieren und inspirieren zu lassen. U.S. Ski & Snowboard schildert zudem, wie sie Rennbewegungen gedanklich durchgeht. Für Duri ist daran die Verbindung mit einem vertrauten Ablauf interessant.

Sein Vorschlag für die Prüfungsvorbereitung oder Gerichtsverhandlung: ein bewusst gewähltes Musikstück wiederholt mit dem Ankommen und dem anschliessenden Arbeitsbeginn verbinden. Dabei muss der Song zum gewünschten Zustand passen. Wer sich bereits innerlich gehetzt fühlt, sucht möglicherweise etwas anderes als eine Person, der gerade Energie fehlt.

Die Auswahl bleibt persönlich. Im Zentrum steht die Frage, ob das Stück den Übergang unterstützt: vom Grübeln über die Prüfung zur nächsten bearbeitbaren Aufgabe.

Drei bis fünf Minuten: Die Routine bekommt einen Ablauf

Duri beschreibt eine kurze Vorbereitung, die vor einer Lerneinheit, einer Simulation oder im Hinblick auf eine Gerichtsverhandlung eingeübt werden kann:

  1. Ankommen: Den gewählten Song starten. Während der ersten Sekunden einfach zuhören.
  2. Körper wahrnehmen: Die Füsse am Boden spüren, sich aufrichten, die Schultern sinken lassen und bewusst atmen.
  3. Inneren Satz verwenden: Beispielsweise «Ich ordne zuerst» oder «Ruhig, klar, Schritt für Schritt».
  4. Den Beginn vorstellen: Den Prüfungsraum betreten, Platz nehmen, die erste Frage bis zum Ende hören und vor der Antwort kurz pausieren.
  5. Anfangen: Eine konkrete Frage beantworten oder den ersten Schritt einer Falllösung ausführen.

Das innere Bild muss bis zur ersten Antwort reichen

Das Bild vom bestandenen Examen kann motivieren. Es sagt noch wenig darüber aus, was nach einer schwierigen ersten Frage zu tun ist. Duri richtet die Vorstellung deshalb auf den Ablauf unmittelbar vor der Antwort.

Die Kandidatin hört zu. Sie lässt die Frage zu Ende kommen. Sie atmet aus. Sie ordnet den Sachverhalt und setzt einen ersten Satz. Mögliche Einstiege aus der Folge sind:

  • «Ich würde das in drei Schritten prüfen.»
  • «Ich ordne kurz den Sachverhalt ein.»

Eine solche Formulierung muss natürlich fachlich tragen. Wer drei Schritte ankündigt, sollte eine zur Frage passende Gliederung vor Augen haben. Ein vorbereiteter Einstieg ersetzt das Verstehen der Frage nicht. Er kann helfen, das verstandene Problem geordnet auszusprechen.

In einer Übung lässt sich genau dieser Anfang wiederholen. Die Frage darf wechseln. Vertraut werden soll der Weg zur Antwort: zuhören, ordnen, beginnen.

Warum schlechte Tage dazugehören

Die Routine nur dann einzusetzen, wenn ohnehin alles leichtfällt, lässt einen wichtigen Teil der Vorbereitung offen. Am Prüfungstag ist nicht vorhersehbar, wie sich die eigene Anspannung anfühlen wird. Vor der Gerichtsverhandlung hat man vielleicht schlecht geschlafen. Auch die erste Frage lässt sich nicht auswählen.

Duri nimmt deshalb die schwierigen Lerntage ernst: den lauten Kopf, die Ungeduld, die Zweifel, die fehlende Lust. Wer an solchen Tagen eine kurze Routine und anschliessend einen überschaubaren Arbeitsschritt übt, beschäftigt sich mit der Frage, um die es im Ernstfall geht: Wie beginne ich unter diesen Bedingungen?

Damit verändert sich auch der Blick auf Nervosität. Sie muss nicht erst verschwunden sein, bevor die Arbeit beginnen darf.

Vom Prüfungsraum in den Gerichtssaal

Duri nennt neben der Anwaltsprüfung das Plädoyer vor Obergericht, die erste Einvernahme als Staatsanwalt und die schwierige Besprechung mit einer Klientin in der Zelle. Die Aufgaben unterscheiden sich. Gemeinsam ist ihnen, dass fachliches Können in einer belastenden Situation gebraucht wird.

Für die Verteidigung richtet sich die Aufmerksamkeit dabei auf einen anderen Menschen. Die beschuldigte Person braucht jemanden, der zuhört, die Situation ordnet und verständlich erklärt, was als Nächstes ansteht. Wenn die eigene Anspannung das Gespräch beschleunigt, kann gerade diese Klarheit verloren gehen.

Die übertragbare Vorbereitung liegt im Anfang: ankommen, zuhören, die konkrete Aufgabe bestimmen und den ersten passenden Satz sagen. Eine eingeübte Routine soll den Zugang zu dieser Arbeit erleichtern.

Die Reihe «Matchball-Momente»

Die Reihe fragt, wie sich vorbereitete Fähigkeiten unter Druck einsetzen lassen. Der Spitzensport liefert Beispiele; für Anwaltsprüfung und Strafverteidigung werden daraus eigene Arbeitsabläufe entwickelt.

Links und Quellen zu dieser Folge

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Über Duri Bonin

Duri Bonin ist Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Zürich. Er verteidigt beschuldigte Personen in Strafverfahren bei der Polizei, vor Staatsanwaltschaften und Gerichten – in Zürich und schweizweit.

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Über diesen Podcast

In diesem Podcast reflektiert Duri Bonin mit Gästen über Fragen rund um die Arbeit als Anwalt und Strafverteidiger: Was macht eine gute Anwältin aus? Wie organisiert man die Anwaltstätigkeit? Wie handhabt man den Umgang mit Klienten, Gegenanwälten, der Polizei, der Staatsanwaltschaft und den Gerichten? Was zeichnet ein gutes Plädoyer aus? Wie legt man sich eine Verteidigungsstrategie zurecht? Der spannenden Fragen sind vieler. Es ist ein Weg ins Urmenschliche, manchmal gar Allzumenschliche.

von und mit Duri Bonin

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