#767 Cum-Ex-Auslieferungsverfahren: Die Sicht des Verteidigers von Hanno Berger
In dieser Folge kommen Duri Bonin und Gregor Münch zunächst auf das Buch von Anne Brorhilker zum Cum-Ex-Komplex zu sprechen und schlagen dann den Bogen zur Reaktion des Verteidigers von Hanno Berger zu ihrem Podcast '#753 Kriegt der Staat die dicken Fische nicht? Cum-Ex und das Auslieferungsverfahren gegen Hanno Berger in der Schweiz'.
Zu Beginn geht es um eine Grundfrage der Strafverfolgung: Werden Ressourcen richtig eingesetzt? Fahren Staatsanwaltschaften „mit dem Lamborghini durch die Kleinkriminalität“, während bei komplexen Wirtschaftsstrafverfahren die Manpower fehlt? Ist es eine Frage von Priorisierung, Kompetenz oder gesetzgeberischer Überfrachtung?
Ein zweiter Diskussionspunkt betrifft die Vernehmungspraxis: Warum werden Einvernahmen immer noch so protokolliert, dass Dynamik und Erkenntnisgewinn leiden? Wieso wird trotz technischer Möglichkeiten weiterhin in Echtzeit getippt statt aufgezeichnet und transkribiert? Und was bedeutet das für Komplexitätsreduktion, Spontaneität und Wahrheitsfindung?
Sodann greifen Duri und Gregor die E-Mail des damaligen Schweizer Verteidigers von Hanno Berger auf. Dieser schildert seine Sicht auf das Auslieferungsverfahren: Schutzschrift ohne erkennbare Wirkung, keine aktive Information über Auslieferungsersuchen oder Verhaftung, eingeschränkte Akteneinsicht im Rechtshilfeverfahren. Davon ausgehend, stellen sie praktische Überlegungen zur Verteidigungstaktik an:
- Sinn oder Unsinn einer Schutzschrift bei drohender Strafanzeige
- frühzeitige Kontaktaufnahme mit der Staatsanwaltschaft
- strategische Offenlegung oder Zurückhaltung
- Telefonate mit Staatsanwälten und deren heikle Position zwischen Amtsgeheimnis und Begünstigungsvorwurf
- Haftverfahren und selektive Aktenvorlage
Zentral wird der Wendepunkt beim zweiten Auslieferungsersuchen: Ein zunächst als nicht auslieferungsfähiges Fiskaldelikt qualifizierter Sachverhalt wird nach neuer sprachlicher Einordnung („arglistige Täuschung“) als auslieferungsfähiger Betrug betrachtet. Unveränderter Lebenssachverhalt – neue rechtliche Einordnung.
Diskutiert werden dabei:
- die materielle Prüfungsdichte im Auslieferungsverfahren
- der völkerrechtliche Vertrauensgrundsatz
- die Rolle des Bundesamts für Justiz
- politische Sensibilität im internationalen Rechtshilfeverkehr
- das Spannungsverhältnis zwischen Kooperation und Rechtsstaatlichkeit
Zusammengefasst geht es in dieser Episode um
- Ressourcensteuerung in komplexen Wirtschaftsstrafverfahren
- Opportunitätsprinzip vs. Untersuchungsgrundsatz
- Einvernahmetechnik und Protokollierungsproblematik
- Schutzschrift und Verteidigungstaktik im Vorfeld von Zwangsmassnahmen
- Haftverfahren und selektive Aktenvorlage
- Informationsaustausch zwischen Staaten und fehlende Dokumentation
- Fiskaldelikte, doppelte Strafbarkeit und Umqualifikation
Diese Folge ist für Strafverteidiger:innen, die mit internationaler Rechtshilfe und Wirtschaftsstrafrecht befasst sind. Für Jurist:innen, die sich mit Vernehmungspraxis, Haftverfahren und Ressourcensteuerung in der Strafverfolgung auseinandersetzen. Und für alle, die verstehen wollen, wie politisch aufgeladene Verfahren rechtsstaatlich eingehegt werden können – oder eben nicht.
Links zu diesem Podcast:
- #753 Kriegt der Staat die dicken Fische nicht? Cum-Ex und das Auslieferungsverfahren gegen Hanno Berger in der Schweiz
- Anwaltskanzlei von Duri Bonin
- Anwaltskanzlei von Gregor Münch
- Das Buch zum Podcast: In schwierigem Gelände — Gespräche über Strafverfolgung, Strafverteidigung & Urteilsfindung
Die Podcasts "Auf dem Weg als Anwält:in" sind unter https://www.duribonin.ch/podcast/ oder auf allen üblichen Plattformen zu hören 🎧. Dort einfach nach 'Duri Bonin' suchen und abonnieren.
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