#759 Stammheim heute: Wenn Angst und öffentlicher Druck Strafverfahren strukturieren
Was passiert mit dem Rechtsstaat, wenn Angst und/oder emotionale Aufladung den Ton angeben? In dieser Folge von «Auf dem Weg als Anwält:in» spricht Duri Bonin mit Gregor Münch über einen historischen Strafprozess, der bis heute nachwirkt: die Stammheim-Verfahren der 1970er- und 1980er-Jahre – und darüber, was sie über heutige Strafverfahren erzählen.
Ausgehend vom Fall Peter-Jürgen Bock, einem ehemaligen RAF-Mitglied und Aussteiger, zeichnet Duri Bonin die Eskalation eines Strafverfahrens nach, das sich von der Zusage eines fairen Prozesses zu einem politisch aufgeladenen Ausnahmezustand entwickelte. Im Zentrum stehen Fragen nach Kronzeugen-Logik, Verfahrensklima, der systematischen Schwächung der Verteidigung und der Rolle von Gerichten in Zeiten gesellschaftlicher Angst.
Das Gespräch verbindet Rechtsgeschichte mit heutiger Praxis: Wie wirken Misstrauen, Sicherheitsdenken und politischer Druck auf Ermittlungsbehörden, Gerichte und Verteidiger? Wo beginnen Zermürbungsmechanismen – durch Terminregime, Sicherheitskontrollen, Honorarkürzungen oder die Abwertung verteidigerischer Arbeit? Und was bedeutet das für die Idee eines fairen, ergebnisoffenen Strafverfahrens?
Ein Zitat aus der Folge: «Wenn Angst den Strafprozess bestimmt, verschiebt sich alles. Dann wird Strafverfolgung zur Machtdemonstration, das Gericht zum Verteidiger des Staates – und die Verteidigung zum Problem.» Also genau dann, wenn diese am nötigsten wäre.
Darum geht es im Detail in dieser Episode:
- Stammheim als historisches Symbol für den Strafprozess im Ausnahmezustand
- Der Fall Peter-Jürgen Bock und die enttäuschte Erwartung an einen möglichen Kronzeugen
- Die Frage, ob „Fairness“ faktisch an Kooperationsbereitschaft geknüpft wird
- Wie ein öffentliches Interview (Der Spiegel) das Verfahrensklima kippen liess
- Die Rolle des Strafverteidigers Heinrich Hannover und die extreme Belastung der Verteidigung
- Der Versuch, unliebsame Verteidiger zu umgehen oder zu ersetzen
- Sicherheitsdenken gegenüber Verteidigern: Durchsuchungen, Misstrauen, Asymmetrien
- Zermürbungsmechanismen durch Terminierung, Reisepflichten, Durchsuchung, Überwachung
- Die Ökonomie der Pflichtverteidigung und das strukturelle Risiko für Kanzleien
- Pauschale Honorarkürzungen als Ausdruck von Geringschätzung verteidigerischer Arbeit
- Gutachten, die „zu gut passen“, und der Umgang der Gerichte mit methodischen Mängeln
- Verteidigungsbeweise, die formal erlaubt, praktisch aber entwertet werden
- Medien als Korrektiv oder zusätzlicher Druck auf Verfahren und Beteiligte
- Angst und/oder emotionale Aufladung als Motor der Strafjustiz – damals in Stammheim und heute in anderen Kontexten
- Die Frage, wie Prozesskultur und Waffengleichheit konkret geschützt werden können
Diese Folge richtet sich an Strafverteidiger, Richterinnen, Staatsanwälte und alle, die sich für Strafprozessrecht und Rechtsstaatlichkeit interessieren. An Menschen, die verstehen wollen, wie sehr Klima, Politik und Angst die Urteilsfindung beeinflussen können – und warum historische Verfahren wie Stammheim auch heute noch relevant sind.
Links zu diesem Podcast:
- Die Stammheim-Tonbänder
- Heinrich Hannover, ein deutscher Strafverteidiger
- Peter-Jürgen Boock, ehemaliges Mitglied der RAF
- Anwaltskanzlei von Duri Bonin
- Anwaltskanzlei von Gregor Münch
- Das Buch zum Podcast: In schwierigem Gelände — Gespräche über Strafverfolgung, Strafverteidigung & Urteilsfindung
Die Podcasts "Auf dem Weg als Anwält:in" sind unter https://www.duribonin.ch/podcast/ oder auf allen üblichen Plattformen zu hören 🎧. Dort einfach nach 'Duri Bonin' suchen und abonnieren.
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